Verband der Auslandspresse in Wien

"Österreich braucht mehr Mut und Aufrichtigkeit"

Hans-Peter Siebenhaar stellte sein neues Buch "Österreich - Die zerrissene Republik" vor.

"Der fatale Konsens als politisches Grundprinzip hat angesichts der Reformunfähigkeit ausgedient", sagte Hans-Peter Siebenhaar, Korrespondent des "Handelsblatt" für Österreich und Südosteuropa und Präsident der Auslandspresse, bei seiner Vorstellung seines neuen Buchs "Österreich - die Zerrissene Republik"  im Presseclub Concordia. Er plädierte für einen "konstruktiven Dissens", den Kampf um die besten Ideen, um Österreich wieder dort hinzubringen, wo es hingehöre: in wirtschaftliche und politische Spitze Europas.  Österreich funktioniere immer noch auf der Basis von Seilschaften und falscher Rücksichtnahmen. Gegenseitige Abhängigkeiten würden wie ein Mehltau über dem Land liegen. Zusammen mit dem ehemaligen Vizekanzler und Industriellen Hannes Androsch diskutierte er unter der Moderation von Rainer Nowak, Chefredakteur der "Presse", wie die Zerrissenheit der Alpenrepublik überwunden werden kann. Der Populismus halte Österreich fest umklammert. "Das Land im Herzen Europas läuft weiter Gefahr, sein Gleichgewicht zu verlieren", fürchtet er. Die Folge sei gesellschaftliche und politische Stagnation. Aufrichtigkeit, Anstand und Mut würden fast schon zwangsläufig unter die Räder kommen, warnte der Korrespondent.

Das Buch "Österreich - Die zerrissene Republik" ist im Schweizer Verlag Orell Füssli erschienen. Hardcover, 271 Seiten, 20,60 Euro.

Fotos der Veranstaltung: ©afrey_ofv

 

Zum Buch:

In seinem kenntnisreichen Buch "Österreich – Die zerrissene Republik", das am 10. März 2017 im Schweizer Verlag Orell Füssli erscheinen wird, analysiert Siebenhaar ungeschminkt, wie es zum Abstieg Österreichs kommen konnten. Noch vor zehn Jahren war alles ganz anders: Damals galt Österreich in jeder Hinsicht als Vorbild und als das bessere Deutschland. Heute hinkt Österreich wirtschaftlich Deutschland hinterher, ausländische Investoren bleiben aus, die grossen Parteien scheinen machtlos gegen die Erstarrung, populistische Scharfmacher vergiften das gesellschaftliche Klima. Schonungslos legt der Autor seine Finger in offene Wunden wie verkrusteter Bürokratie, nachhaltigen Reformunwillen und hemmungsloser Schönrednerei. Siebenhaar zeigt, wie Ränkespiele, Gefallssucht und Opportunismus zu einer für Österreich gefährlichen Stagnation führen.

»Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält«, formulierte einmal treffend die große Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach. In der Tat: Noch bis vor kurzem blickten viele neidvoll auf das ehrgeizige EU-Land, das durch die Erschließung der osteuropäischen Märkte über Nacht reich wurde. Politische und wirtschaftliche Stabilität der neutralen Alpenrepublik schienen so sicher wie das Amen im Wiener Stephansdom.

Doch das hat sich geändert. Die einst so geschätzte und in vielem bewunderte Alpenrepublik wird sich selbst und Europa zum Problem. Der ungehemmte Populismus hat die politisch-sachliche Atmosphäre vergiftet. Nur wenige Stimmen fehlten am Ende 2016, dann hätte erstmals ein Rechtspopulist in Westeuropa das höchste Amt im Staate bekleidet. Den beiden Volksparteien, die das Land im Alleingang abwechselnd regiert haben, droht der radikale Machtverlust. Der errungene Wohlstand durch die Osterweiterung ist gefährdet, Unternehmen und Banken hängen durch, die Arbeitslosigkeit steigt. Längst ist die fremdenfeindliche FPÖ zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen. Kein Wunder, denn statt Überzeugungen und Prinzipien prägen Opportunismus und Ränkespiele das Land. Österreich wird zum Testfall für Deutschland und Europa.