Verband der Auslandspresse in Wien

6. Medienmittelpunkt Ausseerland 2019

Das globalisierte Dorf - Provinz war gestern, Welt ist heute

Dank der Wucht der Digitalisierung und Globalisierung wird unsere herkömmliche Lebens- und Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Vieles ist möglich, was gestern noch unmöglich erschien. Provinz war gestern,
Welt ist heute. Die Umwälzungen haben für die Entwicklung des ländlichen Raums durchschlagende Wirkungen. Wird es zu einer Entwertung der Metropolen kommen? Welche Folgen hat die Digitalisierung? Wie verändert die Globalisierung den Tourismus? Wie kann eine Region abseits der Zentren nachhaltig gestärkt werden? Welche Mobilität ist für das Wachstum auf dem Land notwendig?

Inhaltlich zeichnen der Verband der Auslandspresse in Wien, Heidi Glück - spirit & support, sowie die ProMedia Kommunikation für die Veranstaltung verantwortlich. Die Veranstaltung wird getragen vom Tourismusverband Ausseerland – Salzkammergut.


Berichterstattung Die Presse vom 22. Mai 2019 über den Medienmittelpunkt


Die Seidenstraße darf keine Einbahnstraße werden - Von Matteo Eichhorn

In einer angeregten Diskussion liefern sich ÖVP-Spitzenkandidat zur EU-Wahl, Othmar Karas, und der Leiter der europäischen Wirtschaftskammer Christoph Leitl beim Medien.Mittelpunkt.Ausseerland einen Schlagabtausch über die Zukunft der Europäischen Union. Unter der Moderation von Stephan Löwenstein (Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen) und Petra Stuiber (Der Standard) boten sich die politischen Urgesteine einen Ideenwettstreit zum Thema „Provinz war gestern, Welt ist heute“.

Passend zum Leitthema betonen beide die Schlüsselrolle Chinas: „Wir haben die Telekommunikation in den Neunzigern an die USA verloren. Und wir sind gerade daran, die Digitalisierung an China zu verlieren. Daher brauchen wir eine öffentliche Debatte zu diesen Themen“, betont Othmar Karas. Christoph Leitl stimmt ihm zu: „Die neue Seidenstraße Chinas darf nicht zu einer Einbahnstraße oder zu einer Seidenschnur für Europa werden.“

Es sei wichtig, eine europäische Antwort auf internationale Phänomene zu finden, meint Karas: Bedrohungen wie Internetkriminalität und Terrorismus könne man nicht ohne einen Zuwachs an internationaler Zusammenarbeit lösen. „Die Neutralität ist nicht die Antwort auf jede Bedrohung, wie sie das vielleicht 1955 war. Konflikte heute sind nicht mehr national-militärisch, sondern international-digital“, so Karas. Auch Leitl spricht sich für mehr internationale Zusammenarbeit aus und kritisiert den EU-Wahlkampf der FPÖ: „Ich bin in einem Alter, wo man Dinge auf den Punkt bringen kann. Bei der Zukunft Europas geht es nicht darum, was Herr Vilimsky sagt, der meint, Europa braucht weniger Kooperation. Da denke ich mir: Wo ist denn der ang’rennt?“ 

Beide plädieren für eine Reform des Einstimmigkeitsprinzips in der EU. „Gemeinsame Außenpolitik und Grenzschutz aber auch die Einführung einer Digitalsteuer: Das sind wichtige Bereiche, die am Einstimmigkeitsprinzip scheitern. Alle anderen Beschlüsse, die mit qualifizierter Mehrheit gefällt werden, funktionieren.“ Auch Leitl findet klare Worte: „Bei Einstimmigkeit gibt es immer die Gefahr einer Erpressung. Europa ist ein gemeinsames Finden von Mehrheiten, aber Einstimmigkeit bedeutet Blockade.“

Karas und Leitl teilen eine ähnliche Vision von der Zukunft der EU. In Detailfragen kommt es jedoch zu kleinen Spitzen. Anlass dafür ist einmal mehr die Pommes-Verordnung: „Bürokratie ist für mich begründbar, wenn sie dem Gesundheitsschutz dient, und die Vermeidung von krebserregenden Stoffen ist ein wesentlicher Punkt“, hält Karas fest. Leitl dazu: „Die Pommes-Verordnung brauchen wir nicht. Punkt! Die EU muss mehr Eigenverantwortung zulassen.“ Trotz der angriffigen Töne gibt sich Leitl versöhnlich: „Es gibt mit Othmar Karas überhaupt keinen Widerspruch: Er vertritt die politische und ich die wirtschaftliche Ebene.“ Karas fällt Leitl ins Wort: „Wirtschaft ist auch Politik.“


„Das Menschliche darf nicht verloren gehen“ - Von Julia Pabst

Bei der ersten Diskussion des Medienmittelpunkts im Ausseerland ging es um die Digitalisierung und ihre Chancen für Unternehmen. Aber auch die Zwischenmenschlichkeit kam nicht zu kurz.

 

In der Kohlröserlhütte trafen sich am 16. Mai bei der Eröffnung des sechsten Medienmittelpunkts Ausseerland mehr als 100 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Medien am Ufer des Ödensees. Heuer drehten sich die Debatten um „Das globalisierte Dorf. Provinz war gestern, Welt ist heute: Wie die Digitalisierung und Globalisierung das Leben und Arbeiten auf dem Land revolutionieren“. Im Seminarraum mit Seeblick blieb kein Stuhl leer: Unter den Gästen war auch eine Schulklasse aus der Region geladen – die Schüler debattierten dann auch heftig mit.

Die Veranstaltung eröffnete Altbundeskanzler Wolfgang Schüssel mit einem Vortrag über die aktuelle geopolitische Situation und die Auswirkungen für Europa. Zukunftsforscherin Karin Frick vom Gottlieb Duttweiler Institut knüpfte mit einem Vortrag über die Chancen moderner Technologien in unserem Alltag an. Bei der darauffolgenden Podiumsdiskussion stand die Digitalisierung von Unternehmen im Vordergrund.

Silvia Angelo (Finanzvorständin der ÖBB-Infrastruktur AG), Andreas Klauser (CEO Palfinger), Margit Leidinger (Firmengründerin der Firma Finalit), Helmut Pilz (Vorsitzender Geschäftsführer der AKE – Ausseer Kälte- und Edelstahltechnik GmbH) und Karlheinz Wex (CEO Plansee Holding AG) traten unter der Leitung von Hans-Peter Siebenhaar (Handelsblatt) und Michael Köttritsch (Die Presse) aufs Podium.  Die Unternehmerinnen und Unternehmer zeigten auf, welche Auswirkungen die vernetzte Welt konkret auf ihre Unternehmen hat.

Digitalisierte Prozesse

Moderne Technologien helfen dabei, körperlich anstrengende und sich wiederholende Tätigkeiten zu rationalisieren. Sowohl bei der ÖBB Infrastruktur AG als auch bei der Firma Palfinger kommen bereits Drohnen zum Einsatz, um Arbeiten im Freien auch an abgelegenen Orten durchführen zu können. Leistungsfähige Verarbeitungsprogramme analysieren die gewonnen Daten innerhalb von kurzer Zeit und eröffnen neue Geschäftsfelder. „Mit den digitalen Möglichkeiten können wir unseren Kunden völlig neue Lösungen für ihr Problem anbieten“, erklärt Andreas Klauser von Palfinger.

Aber auch etablierte Abläufe werden digitalisiert. Silvia Angelo von der ÖBB Infrastruktur AG sieht die Digitalisierung als Anlass, ineffiziente Prozesse neu zu durchdenken: „Wird ein schlechter Prozess digitalisiert, bleibt er ein schlechter digitaler Prozess.“

Neue Arbeitsfelder

Letztendlich sei es das Ziel, Prozesse effizienter und somit weniger personalintensiv zu gestalten, sagt Angelo. „Das verunsichert aber nicht nur ältere Mitarbeiter. Die Angst, wegrationalisiert zu werden besteht massiv.“ Dabei   würden aber nicht nur veraltete Arbeitsplätze verloren gehen, sondern auch neue gewonnen werden.  Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern müsse die Angst vor neuen Technologien genommen werden, sind sich die Podiumsteilnehmer einig. Das kann laut Karlheinz Wex von der Plansee Holding AG gelingen, indem man dem Personal die digitalen Vorteile gezielt näherbringt: „Digitalisierung muss es den Mitarbeitern einfacher machen. Wenn das gelingt, integrieren sie dies auch in ihrer täglichen Arbeit.“

Menschlichkeit bleibt

Die digitale Kommunikation vernetzt auch weit entfernte Gebiete. Über Google-Brillen beraten Technikerinnen und Techniker der AKE-Ausseer Kälte- und Edelstahltechnik GmbH Kunden aus Indien und China. Sie sehen über die Brillen dasselbe wie ihre Kollegen in tausenden Kilometer Entfernung und sind 24 Stunden am Tag erreichbar. Auch für Margit Leitinger von der Firma Finalit aus Baden bei Wien bringt die Digitalisierung die Möglichkeit mit Kunden auf der ganzen Welt zu kommunizieren. Sie erkennt eine Entortung von Unternehmen: Der Standort verliere an Bedeutung, umso wichtiger sei dafür aber die technische Infrastruktur vor Ort.

Digitale Kommunikation gewinnt immer weiter an Bedeutung. Dennoch betonen die Diskutanten, dass der persönliche Kontakt innerhalb und außerhalb der Unternehmen essentiell sei. „Die Menschlichkeit darf nicht hinten bleiben. Das ist unsere Stärke: Auf die Leute zugehen und kommunizieren“, meint Helmut Pilz von der AKE-Ausseer Kälte- und Edelstahltechnik GmbH. Letztendlich ersetzte das Virtuelle das Reale nicht, sondern ergänze es.

Video vom Medienmittelpunkt 2019


Fotos Medienmittelpunkt 2019 von Julia Pabst


Langsames Erwachen aus der Schockstarre - Von Emilia Garbsch

Die letzte Podiumsdiskussion des zweiten Abends des Medien.Mittelpunkt.Ausseerland hat sich mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung für Medien beschäftigt. In der Kohlröserlhütte am Ödensee wurde nach Antworten und Lösungen gesucht.

Ist die Digitalisierung die neue Goldmine, oder der Untergang der Medienbranche? Diese Frage haben Spitzenmanager und -managerinnen von Österreichischen und Deutschen Medien versucht zu beantworten. Einig waren sich Thomas Hinrichs (Informationsdirektor des Bayerischen Rundfunks), Karin Thiller (GF APA), Oliver Voigt (Geschäftsführer der Handelsblatt Mediengruppe) und Lisa Totzauer (Channelmanagerin ORF1) in einem: Medien müssen mit der Digitalisierung mitgehen, um nicht unterzugehen. Moderiert haben Hans-Peter Siebenhaar (Handelsblatt) und Anna-Maria Wallner (Die Presse).

Ein europäisches YouTube

Um gegen die außen-europäischen Technologie-Giganten anzukommen, wird im Rahmen der Diskussion ein europäisches Gegenmodell zu YouTube angedacht. Rundfunkanbieter, Verlage, aber auch Institutionen aus Kultur und Wissenschaft aus ganz Europa sollen auf einer Plattform versammelt werden. Die Idee schied die Geister bei der Podiumsdiskussion.

Hinrichs hält die Umsetzung für eine Notwendigkeit: „Mit der Digitalisierung hat sich eine neue demokratische Öffentlichkeit entwickelt. Wir als Qualitätsmedien müssen den Menschen eine Plattform bieten, um einen demokratischen und kulturellen Diskurs zu fördern. Natürlich wird es schwer mit den großen Plattformen mitzuhalten, weil sie einen Startvorteil haben, aber wir müssen es zumindest versuchen.“

Totzauer sieht die Planung einer europäischen YouTube Alternative kritischer. Sie denkt, die etablierten Plattformen seien nicht mehr zurückzudrängen. Außerdem befürchtet Totzauer einen Markenverlust durch die Plattformgründung. Der ORF stehe für Qualität und genieße Vertrauen. Durch eine zu große Ausweitung könne diese Kundenbindung verloren gehen.

KI’s im Newsroom

Der nächste technologische Schritt ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz. Während China beispielsweise rund 300 Milliarden USD in Forschung und Entwicklung der Technologie gesteckt haben, will die EU 20 Milliarden investieren. Voigt sieht das als Fehler: „Wenn wir da nicht aufpassen, wiederholen wir unsere Fehler und verlieren den Anschluss.“ Vor kurzem hat er ein Team mit der Grundlagenforschung beauftragt und eine KI-Redaktion für das Handelsblatt gegründet.

Finanzierungsprobleme

Die Medienbranche kämpft seit Beginn des Internets und dem Medienwandel mit Finanzierungsproblemen. Die Monopolstellung in der Berichterstattung ist durch Plattformen und Social Media verloren gegangen. „Unternehmen und Politik brauchen keine Massenmedien mehr um Informationen weiterzugeben. Das hat die Medienlandschaft eine Zeit lang in eine Schockstarre versetzt, aber langsam beginnen wir zu reagieren,“ sagt Thiller in der Diskussion. Medien müssen weniger ängstlich an Innovation herangehen, mehr Menschen mit technischem Know-how anstellen, neue Werbemodelle entwickeln und die Konsumenten und Konsumentinnen, etwa durch Paywalls zum Zahlen anregen – dazu gab es einen Konsens am Podium. Trotzauer bezeichnet die GIS für den Erhalt der Unabhängigkeit für essentiell. Digitalisierung sieht sie vor allem als Chance, um direkte Kommunikation und Feedback von der Bevölkerung zu ermöglichen.


Message Control: Showpolitik oder gelenkte Information? - Von Selina Trummer

Der Begriff Message Control ist in vieler Munde. Auch hier beim 6. Medien.Mittelpunkt.Ausseerland haben Politiker, Medienvertreter und das Publikum angeregt über Bedeutung und Interpretation dieses Begriffs diskutiert.

Am Freitagnachmittag in der Kohlröserlhütte fanden sich unter der Moderation von Michael Köttritsch (Die Presse) die Diskutanten ein: Beate Meinl-Reisinger (Neos), Ernst Sittinger (Kleine Zeitung), Anna-Maria Wallner (Die Presse) und Heidi Glück (CEO Spirit & Support) sollten teils heftig zum Thema „Message Control versus Regierungskritik. Wie können Medien auch im digitalen Zeitalter ihre Unabhängigkeit behalten?“ debattieren.

Über die Definition Message Control lässt sich streiten: Laut Glück handelt es sich um „die professionelle Orchestrierung der Regierungskommunikation“. Wallner spricht von Parteien und Regierungen, die gelenkte Informationen durch ausgewählte Medien an die Öffentlichkeit bringen. „Doch die Verantwortung liegt auch bei uns Journalisten“, betont sie. Man müsse es erkennen und beobachten. Die Neos-Bundesvorsitzende äußert sich kritisch und spricht von Showpolitik. Die substanzielle, nachhaltige Diskussion fehle, da oft nur Wunschvorstellungen bedient würden, meint die Politikerin. Über eines sind sich die Diskutanten aber einig: Dass sich Pressekonferenzen unter Journalisten keiner großen Beliebtheit erfreuen, denn laut Sittinger sollten sich Journalisten ihre Themen immer noch selbst setzen.

„Uns gäbe es ohne Social Media nicht“

Die Bedeutung von Social Media für klassische Medien ist groß. Sittinger spricht von den großen Vorteilen und Meinl-Reisinger meint sogar, dass es ihre Partei ohne Social Media nicht gäbe. Die Journalistin Wallner verweist darauf, dass diese Medien durch einen Filter konsumiert werden. Neue Plattformen wie sozialen Medien liefern oft unmittelbarere und zugeschnitztere Nachrichten an ihre User.

Was in den 1950ern und 1960ern die Parteizeitungen waren, sind heute Seiten wie „unzensuriert.at“. Im Bereich von Social Media gibt es eine größere Message Control, als im klassischen Journalismus, meint Sittinger.

Zeit für die Selbsthilfegruppe

Das abschließende Thema war das Desinteresse der Jungen an den klassischen Medien und der Kampf um diese Zielgruppe. Wallner argumentiert hier, dass es schon immer Menschen gegeben habe, die sich nicht fürs Zeitunglesen interessierten: “Das war vor 20, 30 Jahren nicht anders.” Die verwendeten Formate werden sich laut Wallner in Richtung Podcasts und bewegtes Bild entwickeln. Ob klassische Medien in zehn Jahren noch immer so relevant sind, hinterfragt sie und sagt auch, dass man eine Selbsthilfegruppe gründen und sich in einen Kreis setzen kann, sollte man Journalisten in der Zukunft wirklich nicht mehr brauchen.